Karl Kautsky

Taktische Strömungen in der deutschen Sozialdemokratie

1. Lassalleaner und Eisenacher

Ein Gesamtbild der deutschen Sozialdemokratie zu geben, wäre ein zu riesenhaftes Thema für einen kurzen Vortrag. Ich sehe hier ab von ihrer Organisation, ihrer Theorie, ihrer Tätigkeit in Parlamenten und Gemeinden. Nur eine ihrer Seiten will ich kurz streifen, die im Ausland am ehesten missverstanden wird: ich will die verschiedenen taktischen Strömungen darstellen, die in unserer Partei nebeneinander und meist auch gegeneinander bestehen oder bestanden haben.

Schon die Anfänge der deutschen Sozialdemokratie zeigen uns zwei Strömungen in ihr: Eine mit dem Schwerpunkt in Preußen, die andere mit dem Schwerpunkt in Sachsen. Beide gingen aus von der Erwartung einer kommenden Revolution. Die Erhebung von 1848 war zusammengebrochen, nun, im Anfang der sechziger Jahre, begann neues politisches Leben zu erwachen und alle Welt fühlte, jetzt gelte es, die Revolution von 1848 zu Ende zu führen, ein einiges und freies Deutschland zu schaffen.

Aber dabei hieß es nicht einfach dort anknüpfen, wo man 1848 und 1849 stehen geblieben war. Mehr als ein Jahrzehnt kapitalistischer Entwicklung war vergangen, und inzwischen war das Proletariat in Deutschland erstarkt. War es 1848 dort noch nicht selbständig aufgetreten, so fühlte sich seine Elite um das Jahr 1862 schon als selbständige Macht, die als solche in die erwarteten revolutionären Kämpfe eingreifen wollte. Aber auch die energischsten und kühnsten Vorkämpfer des Proletariats fühlten sich noch zu schwach, den Kampf gegen die ganze bürgerliche Welt allein aufzunehmen. Sie sahen sich nach Bundesgenossen um.

Der nächstliegende Gedanke war natürlich der, die bürgerliche Demokratie als solchen anzusehen. Hatten ja noch 1848 selbst Marx und Engels noch keine selbständige Arbeiterpartei in Deutschland gebildet, sondern waren noch als Mitglieder der Demokratie aufgetreten. So tat es auch jetzt ihr Schüler Liebknecht, der 1862 von London nach Deutschland zurückkehrte, und ebenso Bebel, der dem Leipziger Arbeiterbildungsverein seit 1861 angehörte und rasch eine führende Stellung in den sächsischen Arbeitervereinen erlangte.

Aber die bürgerliche Demokratie versagte damals schon, wo sie noch viel stärker war als jetzt. Wohl vermochte sie nicht aus eigener Kraft die Revolution durchzuführen, die notwendig geworden war. Dennoch scheute sie vor jedem Schritt zurück, der ihr wirkliche Macht zu geben versprach. Dazu hätte sie sich an die arbeitenden Massen wenden müssen. Vor denen hatte sie aber Angst, seitdem die französischen Ereignisse von 1848 dargetan, welche Kraft das Proletariat für seine eigenen Zwecke zu entfalten vermöge. Die Mehrheit der damaligen Liberalen lehnte es ab, das allgemeine und gleiche Wahlrecht zu verlangen. Ein großer Teil der deutschen Liberalen erwarteten die Einigung Deutschlands nicht durch eine Revolution von unten, sondern durch eine von oben, das heißt, sie rechneten auf den König von Preußen, der Deutschland einig und frei machen werde. Gleichzeitig aber lehnten die preußischen Liberalen dem König von Preußen seine Militärforderungen ab und kamen dadurch in lebhaften Konflikt mit ihm, bei dem sie es wieder ängstlich vermieden, an die Masse zu appellieren.

Unter diesen Umständen kam damals Lassalle zur Überzeugung, von den Liberalen sei die notwendige Revolution nicht zu erwarten. Da er aber einsehen musste, dass das Proletariat unter den damaligen Verhältnissen allein nicht machen könne, rechnete auch er auf den König von Preußen und dessen Minister Bismarck, der geneigt war, das allgemeine und gleiche Wahlrecht zu bewilligen, um mit den Liberalen fertig zu werden.

Lassalle erschien es vor allem notwendig, dem Proletariat eine starke selbständige Organisation zu schaffen, damit es als achtunggebietende Macht in den kommenden revolutionären Kämpfen dastehen könne; als eine Macht, der das Königtum Konzessionen machen müsse. Zu diesem Zwecke betrieb er 1863 die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

So finden wir also im Beginn der deutschen Sozialdemokratie zwei Strömungen: Auf der einen Seite die Erwartung Bebels und Liebknechts, mit der bürgerlichen Demokratie zusammen ein freies und einiges Deutschland zu schaffen, und auf der anderen Seite den Versuch Lassalles, im Gegensatz zum Liberalismus, von einem Königtum, das in einer revolutionären Situation war, Konzessionen für das Proletariat und die Grundlagen eines freien und einigen Deutschlands zu erlangen. Nach dem Tode Lassalles im Jahre 1864 war es sein Nachfolger Schweitzer, der diese Politik weiterverfolgte.

Diese beiden Arten der Taktik waren miteinander unvereinbar, sie führten die wildesten Bruderkämpfe herbei, die rund ein Jahrzehnt lang währten.

Aber gleichzeitig schwand die materielle Grundlage dieser Gegensätze dahin. Die Revolution, die im Beginn der sechziger Jahre erwartet worden war, vollzog sich in den Kriegen von 1864, 1866 und 1870 als Revolution von oben. Bismarck wurde der Testamentsvollstrecker der Revolution von 1848. Insofern behielt Lassalle recht. Aber dabei zeigte sich, dass die Revolution von oben etwas ganz anderes bedeutete, als die Herbeiführung des einigen und freien Deutschland, das die Revolutionäre von 1848 ersehnt hatten. Das neue Deutsche Reich war ein Kleindeutschland, aus dem die Deutschen Österreichs ausgeschlossen wurden. Wohl kam das allgemeine und gleiche Wahlrecht, aber nur für den Reichstag, nicht für Preußen, für das es Lassalle verlangt hatte. Und das neue Deutsche Reich bedeutete die Herbeiführung einer Ära des angespanntesten Militarismus, der alle Mittel sozialer Reformen verschlingt, für ganz Europa.

Die Opposition der liberalen Bourgeoisie gegen Bismarck war jetzt gebrochen. Er wurde ihr Abgott. Darum brauchte er die Arbeiter nicht mehr. Ihre wachsende Macht wurde ihm vielmehr unbequem. Das Liebäugeln der preußischen Regierung mit dem Proletariat hörte 1866 auf. Immer feindseliger wurde seitdem Bismarck gegen die sozialistischen Arbeiter, immer mehr trat er ihnen gegenüber als Büttel der Bourgeoisie auf.

Waren damit die Grundlagen der Lassalleanischen Taktik verschwunden, so mussten gleichzeitig auch Bebel und Liebknecht erkennen, dass das Proletariat auf die Dauer nicht mit der bürgerlichen Demokratie zusammengehen könne. Mögen auch die nächsten politischen Ziele des Proletariats und der kleinen Bourgeoisie die gleichen sein, ihre nächsten ökonomischen Interessen sind einander entgegengesetzt, und das macht sich immer wieder, auch in der Politik, geltend.

Auf dem Arbeitervereinstag zu Nürnberg 1868 kam es bereits zum Bruch zwischen jenen Arbeitervereinen, zu deren Vorkämpfern Bebel und Liebknecht gehörten, und den von den Liberalen geleiteten Arbeitervereinen. Die ersteren nahmen das Programm der Internationalen Arbeiterassoziation an, die 1864 in London gegründet worden war und in deren Leitung Karl Marx wirkte.

Man durfte erwarten, nach dem Nürnberger Vereinstag würden die Differenzen zwischen den beiden Richtungen der deutschen Sozialdemokratie aufhören. Aber ein Bruderkampf hinterlässt immer viel Misstrauen und Feindseligkeit, die nicht sofort zu überwinden sind. Dazu kommt, dass eine Reihe sachlicher Differenzen neben den persönlichen noch weiter fortbestand. Der Versuch einer gemeinsamen Organisation scheiterte daher im Jahre 1869, auf dem Eisenacher Kongress kam es vielmehr zur Gründung einer neuen Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, neben der der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein fortbestand. Sie wurde gebildet aus den Arbeitervereinen, die in Nürnberg das Programm der „Internationale“ akzeptiert hatten, und einer Reihe von Elementen, die aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein austraten, weil sie mit Schweitzers Führung unzufrieden waren, der ein diktatorisches Regiment führte und beschuldigt wurde, sich der preußischen Regierung verkauft zu haben.

Dauerte der Bruderkrieg also zunächst noch weiter, so entwickelten aber gerade in jenem Zeitraum des Kampfes von 1869 bis 1875 beide Richtungen unabhängig voneinander die gleiche Taktik, die die feste Grundlage geworden ist, auf der heute noch die deutsche Sozialdemokratie steht.


Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2026